Montag, 29. April 2013

Ist Lernen vielleicht mehr als Belohnung oder Strafe?

Immer wieder hört man, dass Hundeerziehung über Belohnung ja nur Konditionierung sei. Man dürfe aber nicht nur konditionieren, sondern müsse auch mal strafen, dem Hund zeigen wo es lang geht. Es fällt auf, dass Belohnung mit Konditionierung gleichgesetzt wird, Strafe nicht. Auffällig ist dabei, dass das Wort „konditionieren“ in dem Zusammenhang gern mit einer negativen Betonung belegt ist. Ich glaube dass man diese Aussage einmal näher betrachten sollte. Darum möchte ich Ihnen in Grundzügen erläutern, was man überhaupt unter Konditionierung versteht – und mit diesen Grundzügen vor allem den „normalen“ Hundehalter ansprechen, der in meinen Augen heute leider oft mit zu viel kompliziertem Input überfrachtet wird.
Klassische Konditionierung: Reiz - Reaktion
Klassische Konditionierung bedeutet (kurz gefasst), dass ein Individuum einem Reiz ausgesetzt wird, auf den der Körper mit einer bestimmten Reaktion reagiert. Z. B. nach dem Forscher Pawlow, bei dem ein Hund, der bei klingeln einer Glocke immer Futter bekommt und deshalb mit der körperlichen Reaktion "Speichelfluss" reagiert. Der Speichelfluss kommt später auch dann, wenn nur die Glocke erklingt und kein Futter gereicht wird. Das geschieht aber unbewusst, der Hund kann das nicht beeinflussen.
Operante Konditionierung: Handlung und Konsequenz
Und dann gibt es die operante Konditionierung – dort folgt auf eine Handlung eine Konsequenz.
Heißt also - ich mache etwas und muss darauf mit folgender Konsequenz rechnen. Das ist letztlich das, wonach Hunde heute ausgebildet, erzogen werden. Jetzt gibt es Richtungen, die bevorzugen bei der operanten Konditionierung die Konsequenz Belohnung. Wenn der Hund also etwas vom Menschen Erwünschtes macht, ist die Konsequenz, dass etwas folgt, was er als angenehm empfindet. Das kann Nahrung sein, aber auch das Reichen seines Lieblingsspielzeugs oder auch nur ein nettes Wort. Verstärken von erwünschtem Verhalten durch Belohnung. Das heißt, anders als bei der klassischen Konditionierung ist dem Hund hier bewusst, welche Konsequenz seine Handlung hat, er kann entscheiden, wie er sich weiterhin verhält.
Zu dieser operanten Konditionierung über Belohnung von erwünschtem Verhalten, gibt es die Form der Konditionierung über eine unangenehme Konsequenz bei unerwünschtem Verhalten. Unangenehm sind Schreckreize, Schmerzreize oder die Ankündigung von Schmerzreizen. Unangenehm ist aber auch, wenn man dem Hund etwas wegnimmt, was er als angenehm empfindet. Z. B. ein Spielzeug. Zusammengefasst nennt man unangenehme Konsequenzen Strafe.
Bestrafen oder Belohnen – beides ist eine Konsequenz
Okay, wenn ich also unerwünschtes Verhalten bestrafe, ist es genau so eine Konditionierung, wie die Konditionierung durch Belohnung. Es ist also vollkommen falsch, wenn Hundetrainer sagen, dass nur Belohnung konditionieren wäre. Werfen von Discs, Ketten, Rappelbüchsen, Rempeln, Schlagen etc. ist Konditionierung und nichts weiter.
In Der Hundefachwelt wird heute fast ausschließlich über Konditionierung gearbeitet. Von den "Wattebäuschen" ganz genau so wie von den "Hardlinern" - nur dass diejenigen, die mehrheitlich über Strafe konditionieren der Welt vorgaukeln, dass sie nicht konditionieren sondern über "Persönlichkeit" o. ä. die Hunde erziehen würden. Ob ich Verhalten über Lob oder Strafe beeinflusse. Wenn der Hund sich über die Konsequenz seiner Handlung im Klaren ist, dann ist es operante Konditionierung.
Im Hintergrund, sehr oft ohne dass Hundetrainer oder Hundehalter es wissen, wirkt aber auch die klassische Konditionierung. Wenn z. B. ein Hund, der aggressiv an der Leine auf Hunde reagiert mit einem unangenehmen bis schmerzhaften Leinenruck davon abgehalten werden soll. Dann wirkt oberflächlich operante Konditionierung - er weiß, wenn ich mich so verhalte, gibt es Schmerz. Aber, gleichzeitig wird auch klassisch konditioniert. Der Anblick des anderen Hundes (Reiz) ruft dann später die körperliche Reaktion Schmerz hervor, auch ohne das Leinenrucken. Was einem Hund die Begegnung mit einem anderen Hund nicht angenehmer macht...
Aufgrund der operanten Konditionierung mit dem Wissen um die negative Konsequenz wenn er sich gegen den Schmerz und den falsch verknüpften Hund wehrt, wird er sich ggf. eine Weile danach richten. Er spürt aber den Schmerz, selbst wenn er sich „richtig“ verhält. Der Körper gerät in Stress. Es kann dann so sein, dass der Hund zwar friedlich an anderen Hunde vorbeigeht, dabei aber stark gestresst ist - dauerhaft mit oft gravierenden Folgen (Unterdrückter Aggression und möglicher Entladung, schlechtes Allgemeinbefinden durch zu viel und zu lange andauernden Stress etc.).
Konditionierung über Strafe muss ständig „aufgefrischt“ werden
Zudem ist es inzwischen recht gut empirisch unterfüttert, dass Konditionierung über Strafe weniger gut abgespeichert wird - dass heißt, die Konsequenz der operanten Konditionierung verblasst mit der Zeit - man also immer wieder bestrafen muss, um die Wirkung aufrecht zu erhalten (also noch mehr Stress, Schmerz etc.).
Eine operante Konditionierung über Belohnung wirkt dagegen länger und nachhaltiger und muss, wenn einmal erlernt, nicht so oft wiederholt und aufgefrischt werden.
Also, Hundeerziehung, wie sie heute mehrheitlich abläuft ist Konditionierung. Hundetrainer, die in erster Linie über Strafe konditionieren sind keine „Rudelführer“ oder arbeiten mit „Persönlichkeit“ – sie konditionieren und nichts weiter. Sie verkaufen sich nur anders. 
Konditionierung nur ein kleiner Teil des Lernens
Wenn man auch speziell im Hundebereich den Eindruck gewinnen kann, dass sich das Lernen, und somit die Erziehung des Hundes in erster Linie um Konditionierung – um Belohnung oder Strafe dreht. Dann sollte man sich vor Augen führen, dass das nur ein kleiner Bestandteil des Lernens ist. Konditionierung ist nämlich ein Bestandteil des Behaviorismus. Einer der Theorien, mit denen der Mensch versucht, das Lernen zu verstehen. Es gibt aber noch weitere Lerntheorien, die das Lernen z. B. durch Lernen am Modell, durch Einsicht, durch Entwicklungsstufen oder auch durch das Kreieren einer eigenen Wirklichkeit erklären.
Die Wissenschaftler, die sich mit Lernen beschäftigen, sind sich heute weitgehend einig, dass alle Lerntheorien ihre Berechtigung haben und das Lernen eine Mischung aus diesen Theorien ist. Lernen ist also nach aktuellem Wissensstand weit mehr als konditionieren durch Lob oder Strafe.
Vorbilder formen ein Lebewesen
Eine der wichtigsten Formen ist dabei wohl das Lernen am Modell, was heißt, dass ich mein Verhalten in erster Linie daran ausrichte, wie sich Vorbilder verhalten. Verhalten sich die Eltern eines Kindes z. B. ständig aggressiv, laufen ständig über rote Ampeln, rempeln andere Menschen an und lassen jegliche Formen guten Benehmens vermissen, kann man davon ausgehen, dass sich die Kinder ähnlich verhalten, weil sich die Vorbilder so verhalten. Leben die Eltern dagegen ein ausgeglichenes Leben vor und verhalten sich freundlich zu anderen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Kinder das Verhalten imitieren. Vorleben ist ein ganz wichtiger Teil bei der Erziehung von Kindern und nimmt einen viel größeren Raum ein, als Strafen oder Belohnen.
Genau so ist es auch bei der Hundeerziehung. Lebt der Hundehalter dem Hund Ausgeglichenheit und den freundlichen Umgang miteinander vor, ist das ein sehr wichtiger Teil der Hundeerziehung.
Natürlich hat auch Konditionierung ihren Anteil an Erziehung, am Lernen. Aber sie ist eben nur ein Teil davon. Das vergessen wir in der Hundeerziehung leider viel zu oft.

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