Dienstag, 19. Februar 2013

LaLaLächerlichkeiten der Hundeszene?

Mit diesem Beitrag möchte ich mich einmal einem speziellen Thema widmen, welches meiner Meinung nach ein gutes Beispiel für Missverständnisse in der Hundeszene darstellt – aufgrund vorschneller Urteile und mangelnder Informationen.
Doch um mich dem eigentlichen Thema anzunähern muss ich zum besseren Verständnis erst einmal grundlegende Sachverhalte erläutern – noch nicht im direkten Zusammenhang mit der Kernaussage des Artikels. Ich bemühe mich dabei, die Erläuterungen so verständlich wie möglich zu halten – um keine Verwirrung zu stiften und jedem „normalen“ Hundehalter die Gelegenheit zu geben, sich in Grundzügen sachlich zu informieren.
 
Intermediäre Brücke
 
Grundlage ist die sogenannte „intermediäre Brücke“. Einfach ausgedrückt ist das eine verbale Überbrückung während ein Lebewesen auf dem Weg ist etwas richtig zu machen oder ein Ziel zu erreichen. Das ist das gleiche Prinzip wie bei den Spielen die wohl jeder von uns in der Kindheit gespielt hat. Die Spiele, wo man z. B. mit verbundenen Augen in die Richtung eines Zieles dirigiert wurde. War man auf dem richtigen Weg wurde „heiß, heiß, heiß…“ gesagt, begab man sich auf den falschen Weg wurde die Euphorie durch „kalt, kalt, kalt…“ gebremst. Schnell haben wir als Kinder gelernt, dass „heiß, heiß…“ bedeutete, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wir in Kürze unser Ziel erreichen. Wir fühlten uns beim erklingen von „heiß“ in dem Zusammenhang besser, als wenn wir „kalt“ hörten. Das hat etwas damit zu tun, dass wir, aber auch unser Körper und die damit verbundene Ausschüttung bestimmter Hormone, die uns gut fühlen lassen, auf diese Wortbrücke reagierten. Wir haben bewusst, aber auch unterbewusst gelernt, was „heiß“ (in dem Zusammenhang!) bedeutet.
Diese Verbale Brücke gibt es im normalen Leben häufiger als man denkt – sie ist eigentlich ganz profaner Bestandteil des Lebens und des Lernens. Jemand sucht zum Beispiel etwas, was vielleicht im hohen Gras schwer zu finden ist (vielleicht einen Ball, ein Werkzeug, was auch immer). Ein anderer sieht von einer weiter entfernten, erhöhten Position aber genau, wo das Objekt liegt. Dieser dirigiert jetzt den Suchenden über „da, da, weiter, weiter, links, da, da“, kombiniert mit Fingerzeigen, zum Objekt. Auch das ist eine verbale Brücke auf dem Weg etwas Richtiges zu tun. Auf dem Weg, ein Ziel zu erreichen. Wichtig ist dabei nur, dass man vorher gelernt hat, was die Worte bedeuten.
Gut, man kann also ganz nüchtern festhalten, dass man verbal eine Brücke bauen kann, um einem Menschen, aber auch einem Hund aufzuzeigen, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet. Oder die Situation, in der er sich befindet, bald endet. Das halten wir so erst einmal fest.
 
Übertreibungen der Hundeszene
 
Diese intermediäre Brücke kann bei der Hundeerziehung, aber auch bei Schwierigkeiten mit dem Hund in verschiedensten Ausführungen, wertvolle Dienste leisten. Beispiele dazu gebe ich später noch.
Jetzt neigt allerdings die Menschenszene rund um Hunde gerne dazu, alles zu übertreiben. Ich möchte das hier gar nicht an „Erziehungsphilosophien“ festmachen. Es kommt aber nicht selten vor, dass Hundetrainer, Hundehalter usw. so etwas wie die intermediäre Brücke für sich entdecken und diese dann als spezielle Trainingsmethode übertrieben propagieren und auch einsetzen. So kommt es vor, dass man diese verbale Brücke baut, wenn man dem Hund z. B. Tabletten geben möchte. Vielleicht ein Antibiotikum welches der Hund einige Tage einmal am Tag verabreicht bekommt. Dafür also während der Tablettengabe irgendeine verbale Brücke baut, eine Unterstützung gibt, dass das unangenehme Schlucken der Tablette bald beendet wird. Und entscheidet sich für ein bereits erlerntes „la, la, la…“, welches wie vorher beschrieben ein Wohlgefühl im Hund auslöst und ihm vermittelt, dass er kurz durchhalten muss, bis das Unangenehme beendet ist. „Für eine Tablette am Tag so ein Aufwand?“ Wird sich jetzt mancher fragen. Und in meinen Augen durchaus berechtigt. Wie ich später aufzeigen möchte kann diese Brücke ein guter Helfer sein  - aber eine Tablette einige Tage? Die bekomme ich auch anders „in den Hund“. Unters Futter mischen, in Wurst einwickeln etc. Ich kann durchaus verstehen, dass es „lalalächerlich“ wirkt, wenn einem Hund z. B. in einem Video eine Tablette mit „lalala“ verabreicht wird. Doch das gehört zu den erwähnten Übertreibungen, die sich meiner Meinung nach in der Hundeszene in alle Richtungen breit machen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Warum dem Hund nicht heimlich die Tablette unterjubeln, wo ich doch so schön die komplizierte Methode gelernt habe ;-) 
 
Halt! Alle Freunde der Brücke. Noch nicht aufregen. Ist nur ein Zwischenfazit.
 
Ungerechte, einseitige und pauschale Lustigmacherei
 
Diese Übertreibung beim Einsatz der verbalen Brücke. Dieses ohne weitere Informationen veröffentlichte Videomaterial sorgt allerdings im Internet immer wieder für Heiterkeit. Für Heiterkeit bei Menschen, die die Zusammenhänge nicht kennen – aber auch bei Menschen die im unsagbaren „Kampf der Philosophien“ gerne andere verunglimpfen wollen. Diejenigen, die nicht verstehen, worum es bei „lalala“ und Tablettengabe geht, kann ich sogar noch verstehen. Die Verunglimpfer aus Fachkreisen dagegen nicht wirklich. Da gehen die Rechthaberei und der Dogmatismus auf Kosten der Hunde. Etwas einseitig und pauschal lächerlich darzustellen, und dabei einige wichtige Informationen oder auch nur Interpretationsmöglichkeiten vorzuenthalten, ist nicht die feine Art. Nach meiner ganz persönlichen Einschätzung.
 
Hilfsmittel bei chronische Krankheiten
 
Dem Hund durch eine verbale Brücke (die Entspannung fördert und positiv auf seine Gefühlswelt wirkt) eine unangenehme Situation zu erleichtern ist nämlich spätestens in folgenden Fällen nicht mehr lächerlich.
Denken Sie ganz einfach an einen Hund, der an Diabetes erkrankt ist und mehrfach am Tag eine Injektion bekommen muss. Was ist daran lächerlich, ihm diese unangenehme Notwendigkeit etwas zu erleichtern?
Oder der Hund, der eine chronische Ohrenentzündung hat und auf lange Zeit unangenehme bis schmerzhafte Ohrenbehandlungen über sich ergehen lassen muss? Oder Hunde, die aus anderen Gründen Furcht vor diversen Dingen oder Situationen (z. B. Tierarztbehandlung) haben? Warum sollte ich bei diesen Hunden diese Furcht nicht lindern? Nur weil es für Uninformierte oder Berufszyniker lächerlich wirkt, wenn ich meinem Hund während ich die Spritze gebe sage, „gleich fertig, gleich fertig…“? Wäre mir, wenn ich einen Hund mit Diabetes oder einer anderen chronischen Erkrankung hätte, völlig egal…
 
Gutes Werkzeug, pauschal nicht lalalächerlich und auch kein Wundermittel
 
Diese sogenannte „Intermediäre Brücke“ kann also ein gutes Hilfsmittel in bestimmten Situationen sein, bei bestimmten Problemen. Dabei verzichte ich hier ganz bewusst auf die Erläuterung weiterer Einsatzmöglichkeiten (z. B. Rückruf), weil ich mich hier auf die genannten Fälle beschränken möchte. Ein gutes Hilfsmittel, ein wichtiges Werkzeug für jeden der professionell mit Hunden arbeitet. Vor allem bei Hunden, die z. B. Krankheitsbedingt regelmäßig unangenehmen Situationen ausgesetzt sind. Wird dieses Hilfsmittel aber inflationär in vergleichbar einfachen Situationen eingesetzt, praktisch als Wundermittel – sehe ich persönlich die Sache auch etwas kritisch. Etwas Pragmatismus, etwas Entspannung und etwas weniger danach streben, andere lächerlich zu machen, würde der Hundeszene sicher gut tun. Oder besser: Den Hunden und den „normalen“ Menschen gut tun…

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